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Was ist der Verein zur Wiedererlangung der Historischen Erinnerung?

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1. KURZE GESCHICHTE

Der Verein zur Wiedererlangung der Historischen Erinnerung (ARMH) entstand im Zusammenhang mit der Exhumierung eines Massengrabes, in dem sich die sterblichen Reste von 13 Republikanern befanden. Diese Gruppe von Zivilisten hatten Pistolenschützen der Falange (ultranationalistische, faschistische und antikommunistische Parteiorganisation in Spanien, später eine tragende Säule des Franco-Regimes) am 16. Oktober 1936 ermordet. Ihre Exhumierung fand im Oktober 2000 in der Ortschaft Priaranza del Bierzo (Provinz León, Nordspanien) statt. Zahlreiche Menschen näherten sich der Grabungsstätte mit der Bitte um Hilfe bei der Suche nach Verschwundenen. Aus der Initiative einiger Personen entstand auf diese Weise unser Verein, um diesen Menschen weiterzuhelfen.

Seither hat der Verein mit der Unterstützung und Mitarbeit vieler Menschen Dutzenden Familien geholfen, die Reste ihrer Angehörigen zu bergen. Hunderte weitere Personen erfuhren über das Schicksal bzw. den Verbleib von verschwundenen Angehörigen. Dabei handelt es sich um eine Hilfeleistung, die bis dato die Demokratie nicht erbracht hat. Der politische Übergang nach dem Tod des Diktators Franco beruhte auf dem Vergessen, das im Amnestiegesetz vom Oktober 1977 auch juristisch konsolidiert wurde. Dieses Gesetz wurde mit den Stimmen der linken Mehrheit im Kongress der Abgeordneten verabschiedet und bestimmt im Artikel 2.f, dass sich die Amnestie auch auf Verbrechen bezieht, „die durch Funktionäre und Agenten der öffentlichen Ordnung gegen die Ausübung der Rechte von Personen“ begangen wurden. Auf diese Weise erklärte das Gesetz jedwede Straftat gegen oder Verletzung der Menschenrechte, die vor dem 15. Dezember 1976 begangen wurde, für nicht strafbar.

Aus all diesen Gründen arbeiten wir seit dem Jahr 2000 dafür, unserer Vergangenheit Würde zu geben, Gerechtigkeit einzufordern für jene, die sie verdienen, aber nicht bekamen, und unsere Demokratie zu vertiefen.

Die verschwundenen Spanier in den Vereinten Nationen

Seit unseren Anfängen verstehen wir unsere Arbeit als Verteidigung der Menschenrechte und konsultieren einige der Anwälte, die in der Audiencia Nacional (zentrales Gericht in Spanien mit Gerichtsbarkeit im gesamten Land) die Fälle der Verschwundenen in Chile, Argentinien und Guatemala vertraten. Im Frühjahr 2002 begannen wir den Weg durch die Instanzen vor dem Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, der sich für die weltweite Anerkennung und Einhaltung der Menschenrechte einsetzt, basierend auf Art. 1, 13 und 55 der Charta der Vereinten Nationen. Wir wollten erreichen, dass die UNO von der spanischen Regierung die Anwendung internationalen Rechts bezüglich erzwungenen Verschwindens einfordert. Unsere Anstrengungen führten dazu, dass Spanien 2003 zum ersten Mal in einem Bericht der UNO-Arbeitsgruppe gegen das erzwungene Verschwinden auftaucht.

Seither haben wir Dutzende Exhumierungen von Massengräbern durchgeführt. Darüber hinaus haben wir Fragen der historischen Erinnerung auf der politischen Agenda platziert; unter anderem führte dies dazu, dass die Verfassungskommission des Abgeordnetenkongresses den franquistischen Staatsstreich am 20. November 2002 einstimmig verurteilte.

2. FÄLLE ERZWUNGENEN VERSCHWINDENS IN SPANIEN

Aufgrund des großen Medienechos der Exhumierung in Priaranza del Bierzo (León) erhielten die Verantwortlichen der Aktion bald Hunderte Briefe, Anrufe und E-Mails. Aus dem ganzen Land kam eine große Anzahl von Fällen außergerichtlicher Tötungen und Verschwindens zusammen, die stets demselben Muster folgten: Entführung – Ermordung – Verschwinden. Daraufhin gründete sich erstmals in Spanien eine zivile Vereinigung, die all diese Fälle kanalisiert und auf Fragen eine Antwort zu geben versucht, während der Staat nie eine gegeben hat. Seit der ARMH im Dezember 2000 beim Innenministerium angemeldet wurde, erarbeiten wir das größte Archiv über Geschichten von Verschwundenen in ganz Spanien. Die Zahlen:

1. Formelle Anfragen mithilfe des Formulars der UNO-Arbeitsgruppe gegen das erzwungene Verschwinden: 1.300 FÄLLE. Alle Fälle sind umfassend dokumentiert, d.h. mit amtlichen Dokumenten zu Geburt, Eheschließung, Militärdienst, etc. Es handelt sich um Suchanfragen vor dem Hohen Kommissar der Vereinten Nationen. Die Daten des Verschwindens beginnen mit dem Staatsstreich vom 18. Juli 1936 und reichen bis zum nicht so weit entfernten Jahr 1959, in dem ein Mann auf dem Almudena-Friedhof (Madrid) erschossen und vermutlich in einem Massengrab auf demselben Friedhof begraben wurde, was noch bestätigt werden muss.

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Archiv der Fälle erzwungenen Verschwindens der ARMH und Formulare nach Vorbild der UNO

2. Handgeschriebene Briefe: Etwa 200 Fälle. Es handelt sich um handgeschriebene Briefe von Familienangehörigen der Verschwundenen, in denen sie ihre persönliche Geschichte erzählen und gehört werden möchten. In unserer Vereinigung trafen sie auf Personen, die ihr Problem verstehen konnten und nach über siebzig Jahren die Suche nach einem verschwundenen Familienangehörigen versucht haben.

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Empfangene Briefe über Verschwundene und mit Informationen zu diversen Themen.

3. E-Mails: Seit dem Jahr 2000 haben wir mehr als 15.000 E-Mails erhalten. Sie kommen sowohl von Familienangehörigen, die einen Verschwundenen zurückfordern, als auch von Informanten aus Hunderten spanischen Dörfern, die uns vom Massengrab ihres Dorfes erzählen. Die Arbeit des ARMH ist es, diese Informationen zusammenzubringen und die Personen zu benennen, die in Hunderten Massengräbern in unserem Land begraben sind. Dank dieser Informanten haben wir Kenntnis von über 400 Massengräbern im ganzen Land. Viele davon hoffen wir zu exhumieren, während andere aus unterschiedlichen Gründen derzeit zerstört werden.

4. Webseite und soziale Netzwerke: Von Anbeginn an waren wir im Internet präsent, denn die neuen Technologien bieten interessierten Nutzern einen schnelleren Zugang zur Arbeit unserer Vereinigung.
www.memoriahistorica.org
www.youtube.com/user/ARMHmemoria
www.facebook.com/armh.memoriahistorica
www.twitter.com/ARMH_Memoria

3. ORGANISATION DER ARBEITSGRUPPE IM ARMH

Die Arbeitsstruktur des ARMH basiert auf der Koordination der Arbeit von über 5.000 Freiwilligen, die seit dem Jahr 2000 Kontakt mit uns aufgenommen haben. Dabei handelt es sich um Familienangehörige, Fachleute und Studenten diverser Disziplinen (Archäologie, Anthropologie, Geschichte, Dokumentation…). Kurz gesagt: Menschen, die ein klares Versäumnis der verschiedenen Regierungen Spaniens in Bezug auf die Menschenrechte wahrnehmen. Das institutionelle Vergessen der verschiedenen Regierungen seit der politischen Transition in Spanien hat an das Gewissen von Tausenden Freiwilligen aus diversen Ländern gerührt. Einer der wichtigsten Meilensteine unserer Vereinigung war das Internationale Arbeits-Camp im Sommer 2002, das über 20 Freiwillige aus verschiedenen Teilen der Welt vereinte und die Öffnung von vier Massengräbern in der leonesischen Provinz El Bierzo ermöglichte.

Dank dieses unschätzbaren menschlichen Kapitals konnte der ARMH seit dem Jahr 2000 über 1.400 Opfer der Franco-Diktatur in mehr als 150 Massengräbern im ganzen Land exhumieren und ihnen ihre Identität zurückgeben. Er hat die Überreste an die Familien übergeben und treibt die institutionelle Anerkennung voran, die diese Personen verdienten und die ihnen seit so vielen Jahren verweigert wird.

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4. FINANZIERUNG DER AKTIVITÄTEN DES ARMH

Der ARMH ist eine Nichtregierungs- und Non-Profit-Organisation. An den satzungsgemäß und rechtlich konstituierten Verein zahlt jedes Mitglied jährlich seinen Beitrag, außerdem erhalten wir kleinere Beiträge und Spenden von Einzelpersonen, die in unserem Verein eine lobenswerte Arbeit sehen und ihren wirtschaftlichen Beitrag leisten. Einer der unverrückbaren Grundsätze des ARMH ist, dass die Angehörigen der Opfer keinerlei Kostenbeitrag für die archäologischen Arbeiten leisten müssen. Allerdings bieten diese Familien den Freiwilligen, die an der Grabung beteiligt sind, oftmals Unterkunft und Verpflegung. Selbstverständlich gehen solche Gesten auf die Initiative der Familien zurück. Für die Freiwilligen ist es eine große Ehre, diese schwierigen Tage gemeinsam zu erleben. Die Beziehungen gehen über das Professionelle hinaus und berühren das Zwischenmenschliche.

Zwischen 2007 und 2011 erhielt der ARMH jedes Jahr eine Subvention vom Präsidialministerium, die sich zwischen 45.000€ und 60.000€ bewegte und für Aktivitäten im Zusammenhang mit den Opfern des Bürgerkrieges bestimmt war. Mit dieser Subvention konnten die Kosten für jährlich zehn Exhumierungen in ganz Spanien teilweise bestritten werden. Diese Hilfen wurden im Jahr 2012 eingestellt. Tatsächlich finanzierten diese Subventionen etwa 20% der Kosten der Exhumierungen, während die anderen 80% der Kosten durch die Arbeit von Hunderten Freiwilligen geleistet wurden.

AÑO

Nº PROYECTO DENOMINACIÓN CANTIDAD RECIBIDA PRESUPUESTO

% DEL TOTAL

2006

26.1 Grupo 1 de Exhumaciones 60.000,00 € 3.000.000,00 €

2 %

2006

26.2 Grupo 2 de Exhumaciones 60.000,00 € 3.000.000,00 €

2 %

2006

26.3 Exhumaciones en la provincia de Burgos 60.000,00 € 3.000.000,00 €

2 %

2007

49.1 Investigación, exhumaciones varias localidades 60.000,00 € 3.017.000,00 €

1,9 %

2008

34.1 Exhumación en varias provincias 60.000,00 € 3.300.000,00 €

2 %

2008

34.2 Exhumación en varias provincias 60.000,00 € 3.300.000,00 €

2 %

2009

71.1 Exhumaciones en varias provincias 45.000,00 € 3.870.000,00 €

1,1 %

2010

111.1 Exhumaciones en diversas provincias 57.900,00 € 5.681.000,00 €

1 %

2011

67.1 Investigación y exhumación de 6 fosas comunes en varias provincias españolas 60.000,00 € 5.681.000,00 €

1 %

 

TOTAL

522.900,00 € 24.549.000,00€

2,13 %

5. AKTIVITÄTEN DES ARMH

Die Ziele des ARMH gemäß Artikel 4 der Satzung sind folgende:

1. Dazu beitragen, ein umfassendes Archiv des Bürgerkrieges zu schaffen, um die historische Erinnerung zu bewahren.
2. Die Erforschung und Verbreitung von Kenntnissen über die Opfer des Bürgerkrieges fördern.
3. Kulturelle Aktionen fördern, anregen und unterstützen, die einen Bezug zu unserer Mission und Aktivität haben, was die Bewahrung und Erforschung der Generalarchive des Bürgerkrieges betrifft.
4. Suche und Lokalisierung, Exhumierung und Identifizierung von Opfern des Bürgerkrieges und der franquistischen Repression.
5. Forschung in diesen Bereichen fördern und koordinieren sowie die Zusammenarbeit mit allen nationalen und ausländischen Einrichtungen anregen, welche sich mit dem Kernthema des Vereins beschäftigen.
6. Als Plattform und Raum zur Begegnung dienen für Forscher, Körperschaften sowie nationale und ausländische Einrichtungen in diesem Forschungsbereich.
7. Alle Archive in einem Zentralarchiv zusammenzuführen, das öffentlicher Forschung offen steht, sowohl in ihren Originalmedien als auch in jedwedem Reproduktionsmedium. Die Konservierung und Bewahrung von Dokumenten in genanntem Archiv würde es dann erlauben, Normen und Mechanismen zu erarbeiten, nach denen die Verbreitung der Datenträger erfolgt, die in Dokumentationszentren zum Einsatz kommen können.
8. Der Verein kann mit anderen nationalen oder ausländischen Vereinigungen Kooperationen eingehen, deren Charakteristiken und Ziele den unseren verwandt sind.
9. Wir arbeiten für die Suche nach den verschwundenen und entwürdigten Opfern der franquistischen Repression.
10. Wir kämpfen für Gerechtigkeit für die Opfer der franquistischen Diktatur mit allen gesetzmäßig erlaubten Mitteln.
11. Wir arbeiten für die öffentliche Anerkennung aller Menschen, die unsere erste Demokratie in der Zweiten Republik geschaffen haben, und aller Männer und Frauen, die während der Diktatur für die Wiederherstellung der Demokratie gekämpft haben.

5.1. KLASSIFIZIERUNG VON FÄLLEN, SUCHE UND ARCHIV DER DOKUMENTATION

Seit dem Jahr 2000 haben wir alle Informationen, die unsere Organisation erreichten, akribisch klassifiziert, digitalisiert und in verschiedenen Datenbanken erfasst. Darunter sind Fälle von Verschwinden, Todesurkunden, Repressionsopfer in Provinz X, etc. Sobald die Suchanfrage von Angehörigen eines Verschwundenen eintrifft, beginnt unsere Recherche in verschiedenen Archiven des Militärs, der Kommunen, der öffentlichen Verwaltung, historische Archive etc. Diese Archive, von Historikern, Forschern und Angehörigen konsultiert, geben einen Eindruck von der schrecklichen Repression, die Spanien sieben Jahrzehnte lang geißelte.

Beispiele vorgefundener Dokumente:

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Todesurkunden, Militärgericht und Nachricht über Todesurteil.

33
Datenbank von eingegangenen Fällen erzwungenen Verschwindens in Spanien.

44

nk mit verurteilten Personen und der Nummer ihres Militärprozesses in der Provinz León.

5.2. EXHUMIERUNG UND IDENTIFIZIERUNG DER OPFER DES BÜRGERKRIEGES UND DER FRANQUISTISCHEN REPRESSION

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Die Jahre vergehen und die Zeitzeugen der franquistischen Repression sterben, was die Suche nach einem Massengrab erheblich erschwert. Dank der Dorfbewohner, Archivrecherchen und in einigen Fällen der Informationen, die Angehörige selbst beischaffen konnten, eröffnet sich die Möglichkeit, eine potenzielle Exhumierungsstätte zu lokalisieren und Körper zu bergen, die mehr als siebzig Jahre an dem Ort begraben waren, den die Mörder für sie bestimmten.

Das Desinteresse der Justiz und der demokratischen Regierungen in Spanien hat die Familien der Möglichkeit beraubt, ihre Verschwundenen zu bergen. Darüber hinaus hat es dazu beizutragen, dass die Angst bestehen blieb, mit welcher der Franquismus ihr Leben überzog. Dieses Nichtkümmern beeinflusst das gesamte soziale Netzwerk, das die Lokalisierung und Exhumierung von Massengräbern umspannt. Das geht so weit, dass die Anwohner der Dörfer, in denen der ARMH tätig wurde, die Stimme senkten und sich gewöhnlich umschauten, wenn sie uns ihre Geschichten erzählten; die Angst ist aus ihren Augen noch nicht gelöscht.

All dies erschwert die Ortung der Massengräber. Diese Suche besteht darin, archäologisch das gesamte Areal zu erkunden, das Zeitzeugen als möglichen Bestattungsort der Körper gewiesen haben. Wenn dann die ersten Knochenreste auftauchen, erschließt sich der Bereich der Grabung und man legt nach und nach die Skelette frei. Dieser Prozess ist eine minutiöse Arbeit, die in jedem Schritt dokumentiert werden muss, sowohl in Bezug auf die Lage der Skelette als auch die der Objekte, die an ihrer Seite zutage treten. Die größte Schwierigkeit liegt in der Aufhäufung von Körpern übereinander; eine solche Situation bedeutet, dass die Leichen der Opfer ohne jegliche Ordnung in eine Grube geworfen wurden. Die Notwendigkeit, diese Körper für eine korrekte Identifizierung zu individualisieren, erfordert eine strikte und extrem akribische archäologische Methodologie.

Joarilla - Fotos Óscar Rodríguez (553)
 
Zu bedenken bleibt, dass nur diejenigen Kontakt mit dem Tatort haben, die an der Öffnung des Massengrabes mitarbeiten. Darin liegt die Wichtigkeit der Dokumentation eines jeden Schrittes während der Exhumierung der sterblichen Reste, denn nur so erhält das Abschlussprotokoll strikte juristische Validität. Deshalb sind außerdem die Brüche, Projektile und Einschusslöcher von äußerster Wichtigkeit, um die Todesursache dieser Personen festzustellen bzw. zu bestätigen. Während der Exhumierung erstattet der ARMH in der nächstgelegenen Kaserne der Guardia Civil Anzeige wegen des Erscheinens menschlicher Überreste mit offensichtlichen Anzeichen von Gewalteinwirkung. Dahinter steht die Absicht, diese Morde in die Hände der Justiz zu übergeben; das Einstellen der Verfahren seitens der spanischen Gerichte lässt die Angehörigen der Opfer weiterhin im Stich und überlässt die Bergung und Identifizierung der Körper zivilen Verbänden wie unserem Verein.

Unser Verein arbeitet mit Hunderten von freiwilligen Mitarbeitern, die ihre Freizeit einbringen, um selbstlos diesen Familien zu helfen; in der Mehrzahl der Fälle haben diese Helfer keinerlei archäologische Vorkenntnisse und sind deshalb ständig auf die Erklärungen und Anweisungen des Archäologen angewiesen, der die Exhumierung leitet und ihren Fortgang überwacht. Der humanitäre Einsatz dieser Freiwilligen löst das Problem einer Menschenrechtsverletzung, das die spanische Demokratie in mehr als dreißig Jahren nicht zu lösen versucht hat.

Das Öffnen eines Massengrabes trägt in sich eine intrinsische pädagogische Tätigkeit. Wir wollen, dass jeder Ort, an dem wir arbeiten, ein offener und öffentlicher Raum wird, ein Ort der Begegnung der Angehörigen mit den Anwohnern und Neugierigen. Die Zuwendung und Aufmerksamkeit des archäologischen Teams erlaubt diesen Personen, aus erster Hand zu erfahren, worin die Wiedererlangung der historischen Erinnerung besteht und was ihr Zweck ist. Die Psychologen, die mit uns am Grund der Massengräber gearbeitet haben, sind sich einig darin, dass es wichtig ist, die Öffnung eines Grabes öffentlich zu machen; für die Angehörigen bringt sie ihre Lieben zurück, und für die Dörfer die Lösung einer Geschichte, von der sie während ihres ganzen Lebens gehört haben.

Die Körper werden einzeln aus dem Massengrab geborgen. Die Knochen jedes Skeletts kommen in eine Kiste mit der Kennzeichnung des Grabes und der Nummer des Individuums. So werden sie für die forensische Untersuchung und zu endgültigen Identifizierung ins Labor gebracht. Auch diese Arbeit ist vollkommen ehrenamtlich, und die forensischen Anthropologen kommen ins Labor des Vereins, um in altruistischer Weise ihren Beitrag zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung zu leisten. Wir möchten betonen, dass die ehrenamtliche Leistungserbringung nicht die wissenschaftliche Leistung schmälert: wir haben das große Glück, mit sehr anerkannten spanischen und internationalen Forensikern zusammenarbeiten zu dürfen, die mit ihrem Wissen dabei helfen, den geborgenen Opfern Vornamen und Familiennamen zurückzugeben.

Wenn nötig, fordert der ARMH zur Identifizierung der Opfern DNA-Proben an. Dazu werden den Skeletten ein Fragment des Oberschenkelknochens und zwei Zähne entnommen, die zusammen mit Speichelproben der Angehörigen an ein privates Genanalyse-Labor geschickt werden, womit die freiwillige Arbeit des Vereins ihren Abschluss findet, da das Labor seine Untersuchungen in Rechnung stellt. Diese Kosten, wie auch alle anderen, die bei der Öffnung eines Massengrabes entstehen, übernimmt unser Verein gemäß seiner Prämisse, dass niemand die Suche nach seinen Angehörigen finanzieren muss, da es zuvorderst der Staat sein müsste, der die Reparationskosten der Betroffenen übernimmt und die Menschenrechtsverletzungen des spanischen Bürgerkriegs und der franquistischen Diktatur wiedergutmacht.

Die gesamte Arbeit der historischen Recherche, der Suche und Exhumierung eines Grabes und der Identifizierung der Körper dient einem einzigen Ziel: der Übergabe der sterblichen Rest an die Familien.

AÑO EXHUMACIONES Nº VÍCTIMAS
2000 1 13
2001 1 4
2002 12 38
2003 30 238
2004 13 155
2005 10 72
2006 17 220
2007 13 314
2008 24 111
2009 13 80
2010 9 34
2011 6 34
2012 4 17
2013 2 4
2014 3 5
TOTAL 158 1337

5.3. ÖFFENTLICHE ANERKENNUNG DER OPFER, VERBREITUNG UNSERER ARBEIT.

Der Gründungsgedanke des ARMH etabliert die Notwendigkeit, all jenen Personen Ehre zu erweisen, die während des Franquismus ermordet und mithilfe einer Exhumierung geborgen wurden. Das Vergessen, dem die Angehörigen wie auch die Opfer während der letzten 76 Jahre unterworfen wurden, muss behoben werden. Aus diesem Grund sind die Übergaben der sterblichen Reste in Anwesenheit der Familien, Nachbarn und Freiwilligen notwendige Akte. Wir bemühen uns, dass auch die Anerkennung der zivilen und politischen Institutionen deutlich wird, aber nicht immer gibt es die Bereitschaft dazu. Es handelt sich um eine Schuld gegenüber den Familien und den Opfern, die wieder gut zu machen ist.

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Öffentliche Gedenkakte bei der Übergabe der Reste an die Familien.

19-republicanos 1Die Verbreitung unserer Arbeit ist auch Teil unserer Hauptabsichten. Daher organisieren wir bzw. nehmen wir aktiv an Kongressen, Konferenzen, Tagungen und Kursen an spanischen und ausländischen Universitäten teil.

Außerdem wollten wir die Republikaner und Republikanerinnen anerkennen, die unsere erste Demokratie während der Zweiten Republik aufbauten; „jenen Würde verleihen, die sie niemals verloren.“ In diesem Sinne organisierten wir gemeinsam mit der Stiftung Contamíname und der Stadtverwaltung von Rivas Vaciamadrid die musikalische Hommage “Recuperando Memoria” („Erinnerung wiedererlangen“). Am 24. Juni 2004 vereinten wir 741 Republikaner und Republikanerinnen, die von 25.000 Menschen umgeben waren, die ihnen jene Ehre bezeigen wollten, die nach dem Ende der franquistischen Diktatur immer noch ausstand.

Wir haben zwei Fotoausstellungen, die wir gratis zur Verfügung stellen. Sie erklären die Natur unserer Arbeit und erzählen ein wenig über unsere Geschichte. Eine Ausstellung schufen wir zusammen mit der Sociedad de Ciencias Aranzadi und der baskischen Regierung, die andere realisierte der Fotograf Eloy Alonso.

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Zudem kooperieren wir aktiv mit fotografischen Arbeiten, welche die Familien in den Mittelpunkt stellen, und die Exhumierungen haben bereits viele Räume gefüllt, beispielsweise die Arbeiten von Gervasio Sánchez mit “Desaparecidos”.

23-Gervasio 2Seit dem Jahr 2000 sind mehrere Dokumentationen über die Arbeit des Vereins entstanden. Journalisten und Dokumentarfilmer mit unterschiedlichen Beiträgen und Stilen haben dazu beigetragen, dass man unsere Arbeit in zahlreichen Sektoren von Kultur und Kino kennt. Vom klassischen Dokumentarfilmformat in „Los Nietos“ („Die Enkel“) von Marie-Paule Jennehomme bis zu moderneren und innovativen Visionen wie „The Wave“ von Sara Vanaght und Katrien Vermeire. Oder einfach die Zusammenstellung von Aussagen der Familienangehörigen und Unterdrückten mithilfe einer einfachen Kamera, damit diese wertvollen Informationen nicht verloren gehen.

Die wichtige Mitarbeit von Freiwilligen aus zahlreichen Ländern und aus verschiedenen akademischen Disziplinen hat ebenfalls zur Verbreitung der Arbeit beigetragen. Die Realisierung von Studien- und anderen Arbeiten nach diesen Aufenthalten trägt dazu bei, dass das Wissen, die Erfahrungen und die erlebten Schwierigkeiten während der Zusammenarbeit mit dem Verein in verschiedene Bereiche der Welt vordringen. Wir haben zusammengearbeitet mit Studenten und Freiwilligen aus Ländern wie Japan, USA, Australien, Belgien, Frankreich, Großbritannien und Kanada. Und haben so neue und humanitäre Internationale Brigaden geschaffen.

Unser Verein arbeitet mit anderen Organisationen zusammen, die landesweit hoch anerkannt sind, wie das Centro Superior de Investigaciones Científicas (CSIC) und die Sociedad de Ciencias Aranzadi, mit dem Ziel, den größten Videofonds über historische Erinnerung und Exhumierungen seit 2000 in Spanien zu schaffen.

6. FORDERUNGE DES ARMH

Ein Dekalog für die historische Erinnerung

  1. Die Einhaltung der nationalen und internationalen Rechtsrahmen für die Suche von Verschwundenen des Bürgerkrieges und der Nachkriegszeit überwachen und sicherstellen und offiziell die Untersuchung, Exhumierung und Identifizierung in Übereinstimmung mit den internationalen Protokollen vorantreiben, welche von Archäologen, Anthropologen und Forensikern entwickelt wurden. Es handelt sich um eine grundlegende Arbeit, die wir uns im Bereich der Menschenrecht schuldig sind.
  2. Die Schaffung einer Studieneinheit über die Lage der historischen Erinnerung an Bürgerkrieg und Diktatur in Zusammenhang mit der Lehre über den Bürgerkrieg und die Diktatur im Rahmen der obligatorischen Schulbildung und in den Medien einerseits während der Diktatur, andererseits danach in der Demokratie. Ein wichtiger Teil des Nachdenkens über die Erinnerung ist es, das Wie und das Warum des Vergessens zu verstehen.
  3. Die Anerkennung der Rolle der spanischen Republikaner, die den Grundstein unserer Demokratie legten, als im November 1933 die ersten Wahlen mit universalem Wahrecht in unserem Land abgehalten wurden. Es handelt sich um ein Gründungsdatum, das im gesamten Staat offiziell gefeiert werden sollte, wie es in den wichtigsten Demokratien der Welt geschieht.
  4. Die Annahme eines dringenden Dekrets zur schnellstmöglichen Entfernung aller franquistischen Symbole (Monumente, offizielle Tafeln und Symbole, Straßenbenennungen etc.). Die Strahlkraft dieser Symbole im demokratischen Kontext ist der andauernde Ausdruck der disziplinierten Fähigkeit der konservativen Kräfte, die das Erbe des Franquismus angetreten haben, und der Schwäche der demokratischen Veränderungen.
  5. Die Schaffung eines staatlichen Museums über den Bürgerkrieg und über die Opposition im Franquismus. Dies ist eine weitere Initiative von höchster politischer Bedeutung, welche die Ausgestaltung eines neuen offiziellen Diskurses anstoßen soll. Dieser soll mit der ideologischen Gleichmacherei der Transition aufräumen, in deren Zuge die antifranquistische Opposition mit den störrischsten Reaktionären gleichgesetzt wurde, die das alte Regime unterstützten.
  6. Die komplette Öffnung der Militärarchive, was ihre Digitalisierung einschließt sowie ihre Verfügbarkeit für Interessenten über das Internet. Der freie Zugang der Bürger zu offizieller Dokumentation ist ein Grundrecht, das während vieler Jahre in der Demokratie nicht ausgeübt werden konnte, und er ist von grundlegender Bedeutung für die Personen, die ihre Familienangehörigen finden möchten.
  7. Die Annullierung aller Ermittlungsverfahren des Franquismus, die dazu führten, dass über 50.000 Republikaner nach dem Ende des Bürgerkrieges erschossen wurden. Diese Verfahren wurden von Gerichten ohne legitime Rechtsgrundlage eingeleitet. Den guten Namen dieser Bürgerinnen und Bürger zu rehabilitieren, ist eine unumgängliche symbolische Anerkennung.
  8. Die Kennzeichnung aller öffentlichen oder privaten Bauwerke, die von politischen Gefangenen errichtet wurden, sowie Vorkehrungen für eine Entschädigung der Überlebenden, zu der alle privaten Unternehmen beitragen müssten, die sich durch Zwangsarbeit bereichern konnten. Im Mittelschiff der Kathedrale im Tal der Gefallenen soll eine Ausstellung darüber informieren, von wem, wie und warum sie gebaut wurde, und an die 12.000 politischen Gefangenen erinnern, die zur Arbeit an diesem Bauwerk gezwungen wurden.
  9. Die Einrichtung einer Historikerkommission, die nach dem Vorbild der Wahrheitskommissionen eine große Studie des Bürgerkriegs und der Diktatur erarbeiten soll, welche danach als offizielle Version der Vorkommnisse zugelassen und vom Parlament ratifiziert werden soll.
  10. Die Durchführung eines großen öffentlichen Aktes der Anerkennung für all jene Frauen und Männer, die für die Verteidigung der Freiheit und der Demokratie kämpften, an dem alle ranghohen Institutionen des Staates teilzunehmen haben.